Meine Erinnerungen über die Ereignisse an der deutsch-deutschen Grenze im Harz zwischen 1975 und 1980.

Nach meiner BW-Zeit bei einer Radareinheit ging ich zum Zoll-Grenzdienst, erst zur Ausbildungsdienststelle Bad Harzburg-Taternbruch wo wir von den Stammbeamten in das Grenzgebiet eingewiesen wurden. Sie erzählten uns dabei  viele Ereignisse, die in diesem Abschnitt der Grenze schon passiert waren. Auch die Geschichten von den Grenzschleusern,  die nach dem Krieg Menschen von Ost nach West schleusten und dann beraubten und umbrachten. Bei bestimmten Verhältnissen könnte man in der Nacht noch an diesen Stellen die Schreie der armen Menschen hören. Immer wenn ich später im Dienst an dieser Stelle unterhalb der Eckertalsperre vorbei musste, hatte ich doch eine kleine Gänsehaut!

Nach meiner Ausbildung kam ich zur Grenzaufsichtsstelle nach Bad Harzburg-Eckertal,  wo wir auch eine Dienstwohnung bekamen. Hier verrichtete ich in der Zeit von 1975 bis 1980 als Hundeführer Grenzaufsichtsdienst entlang des Grenzflusses der Ecker von Lochtum , Abbenrode, Stapelburg, Eckertal bis zur Eckertalsperre meinen Dienst. In dieser Zeit hatten wir noch Dienstfahrräder und im Winter Skier.  Die Sperranlagen, die ein unüberwindliches Hindernis  waren, wurden von sehr vielen Besuchergruppen und Besuchern aus allen Gebieten und Ländern besichtigt. Besonders an dem Grenzübersichtspunkt in  Eckertal gegenüber der DDR-Ortschaft Stapelburg  waren bei gutem Wetter sehr viele Menschen, die staunend auf den mit Hund und Fahrrad ausgestatteten  Zöllner blickten. Die Kommentare waren meistens: “So möchten wir auch einmal Urlaub machen, wie sie hier Dienst verrichten und dazu noch bezahlt werden!“. Auch im Winter bei glitzerndem Schnee auf Skiern mit dem Hund an der Leine waren die Kommentare hörbar. Doch diese Menschen übersahen dabei  den Dienst bei jedem Wetter, an jedem Tag, bei Regen und Kälte, bei Sturm  und besonderes in den langen Nächten an dieser unmenschlichen Grenze, die Deutschland teilte. Sie hörten nicht die Detonationen der Selbstschussanlagen in der Nacht. Die einen mit dem Gedanken „ las es bitte kein Mensch gewesen sein!“ aus dem Schlaf rissen.  Sie hörten nicht die lauten jämmerlichen Schreie der tödlich verletzten Tiere, die im Metallgitterzaun hingen und verendeten. Sie merkten nicht die seelische Belastung, die auf den Familien der Beamten ruhte.

Selten zeigte sich doch manchmal eine menschliche Seite dieser Todesgrenze. Einmal begleitete ich einen sogenannten „Grenzaufklärer“ (einen sehr zuverlässigen Offizier der DDR-Grenztruppen) auf seinem Kontrollgang vor dem Metallgitterzaun  unmittelbar am Grenzverlauf. Direkt an der Grenze, als er sich zu einem Päuschen auf einen Stein setzte, übersah er, dass der Stein schon von einer Kröte besetzt war. Die Kröte überlebte diese Aktion leider nicht, aber auf der Offiziershose zeigte sich ein großer Fleck. Zu meinem Erstaunen lächelte der Grenzaufklärer zu mir rüber und ich lächelte und grüßte zurück. So gingen wir beide unseres Weges weiter. Auch an dem ersten Nachtdienst  nach meiner Hochzeit gab es einen sehr menschlichen Kontakt zwischen Ost und West. Ich stand  zu später Stunde auf dem Grenzübersichtpunkt in Eckertal gegenüber dem Grenzführungsbunker mit Beobachtungsturm  in Stapelburg und zeigte den  dienstverrichtenden Grenzsoldaten auf dem Turm stolz meinen neuen Ehering. Plötzlich ging der große Suchscheinwerfer auf dem Turm an und der Hund sowie ich mit dem Ring standen in hellem Licht, als sich oben im Turm ein Klappfenster öffnete und ein Maßband  gezeigt wurde.  Auch heute bin ich mir noch nicht sicher, ob es die Anzeige der noch verbleibenden Dienstzeit bei der Grenztruppe des Soldaten anzeigte, oder ob es die restlichen Tage bis zu seiner Hochzeit waren. So vergingen die Jahre. Eines Tages  postierte ich in den frühen Morgenstunden mit dem Dienstfahrzeug  unterhalb der Eckertalsperre an der dort  durch die Geländeverhältnisse sehr offenen vorderen Grenze ohne Metallgitterzaun. Mein vierbeiniger Freund, der schwarze Schäferhund „Rauk“, lag abgelegt mit seinen angelegtem Zollkennzeichen vor dem VW-Bus, als eine Herde Muffelwild von West nach Ost die Grenze wechselte. Die Braten riechend  flitzte mein  Hund in das Arbeiter-und-Bauern-Paradies. Nach einiger Zeit wurde ich erlöst, er kam mit eingekniffenen Schweif und hängender Zunge in den „ goldenen“ Westen zurück. Ich hatte meinen Hund schon in Gedanken bei der DDR Propagandafernsehsendung „Der schwarze Kanal“ mit Karl Eduard von Schnitzler gesehen unter dem Motto „Nun kommen auch die armen  Hunde des Klassenfeindes zu uns in Paradies“.  

Eines Tages bekam ich dann meine Beurteilung von meinen damaligen Vorgesetzten und  dem Hauptzollamtsvorsteher von Göttingen ausgehändigt. Diese Beurteilung wurde von mir nicht anerkannt. Ich leitete die mir zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel ein, um gegen diese Wertung anzugehen. Da das Verfahren aber immer weiter rausgezögert wurde, wendete ich mich an den Petitionsausschuss des deutschen Bundestages, der einen Sonderermittler einsetzte. Nach dem Ermittlungsergebnis musste meine Beurteilung auf höhere Weisung zurückgezogen werden und eine neue positive  Beurteilung wurde erstellt. Ich hatte danach die Möglichkeit, bei meiner alten Dienststelle zu verbleiben oder mir eine Wunschdienststelle innerhalb der Bundesrepublik auszusuchen. Wir zogen mit unserem Sohn Tobias und meinem vierbeinigem Freund in die wunderschöne Stadt Aachen, wo ich sofort befördert wurde und meinen Dienst auf den internationalen grenzüberschreitenden  Zügen verrichtete. Später  verrichtete ich bis zu meiner Pension Dienst bei einer Sondereinheit, die zur Bekämpfung der Betäubungsmittel- und Waffenkriminalität und der Kontrolle von Verboten und Beschränkungen auf den  Autobahnen des Dreiländerecks zwischen den Niederlanden, Belgien und Deutschland eingesetzt war. Es war eine sehr spannende und abwechslungsreiche erfolgreiche Dienstzeit.

                                                                                                                                                        Burkhard Brenk, Aachen