„10,- Mark West bitte“.

Weimar, sagte man uns, sei eine sehr schöne Stadt, einen Besuch wert und außerdem könne man dort Goethes Gartenhaus besichtigen. Das wollten wir dann auch tun und verließen, aus Dresden kommend, auf dem Wege nach Erfurt, die Autobahn. Wir, das waren ein befreundetes holländisches Ehepaar und ich.
Das Wetter war nicht besonders schön, es regnete und außerdem war es empfindlich kalt.
Beim Verlassen der Autobahn in Weimar hielten wir uns an die Schilder – Richtung Innenstadt -, da wir trotz aufmerksamen Suchens keinen Hinweis finden konnten, der uns zu Goethes Gartenhaus hätte führen können.
An einem Punkt der Stadt angekommen, wo wir uns entweder nach rechts oder nach links zu entscheiden hatten hielten wir an, um Ausschau nach einem Menschen zu halten, der uns hätte weiterhelfen können. Dieser Mensch kam dann auch schon auf unser Auto zu und war in Gestalt eines Verkehrspolizisten.
„Das ist ja ein phantastischer Zufall“ meinten wir, „dass Sie hier sind. Wir suchen nämlich Goethes Gartenhaus und wissen nun nicht, ob wir rechts- oder linksrum fahren sollen.“
"Zu Goethes Gartenhaus wollen Sie?“ war seine Antwort. «Dann muss ich Ihnen erst einmal sagen, dass Sie in diese Straße nicht hätten fahren dürfen. Darf ich einmal Ihre Pässe und die Autopapiere sehen!“ Wir suchten umständlich in all den vielen Reisepapieren, mit denen wir reichlich bedacht worden waren und hatten beim Überreichen derselben kein gutes Gefühl. Betretenes Schweigen machte sich in unserem Wagen breit. Wir gaben ihm alles, was wir finden konnten, selbst die Umtauschbescheinigungen von DM 25,-- pro Tag, zum Kurs 1:1. Diese interessierten ihn aber nicht, denn er gar sie uns sofort zurück. Ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen und ohne ein Wort zu sagen, zückte er einen Block und fing an zu schreiben. Eine peinliche Stille entstand zwischen uns im Auto und ihm draußen im Regen. Um dieser Stille ein wenig die Schärfe zu nehmen, versuchten wir es mit einer Entschuldigung. Wir wären doch Ausländer, sagte ich (wir fuhren ein Auto mit französischer Immatrikulation). Außerdem wären wir fremd in dieser Stadt, und das Wetter sei ja auch nicht gerade das Beste, man könne schlecht sehen, müsse auf Leute achten und Verkehrsschilder. „ Die sind überall die Gleichen“, war seine lapidare Antwort. Betretenes Schweigen weiter.
Dann überreichte er uns sein ausgefülltes kleines Stückchen Papier, nicht größer als ein handgeschriebenes Eisenbahnbillett, mit den Worten: „Sie haben nach §6 der Straßenverkehrsordnung verstoßen. Das macht 10,-- Mark. Ich zückte wortlos mein Portemonnaie und gab ihm 10,-- Mark von unserem pflichtgemäß umgetauschten Geld. Wir hörten ihn nur noch sagen „West“ bitte.
Ich hatte mit dieser Antwort gerechnet. Mein holländischer Freund zückte aber wortlos sein Portemonnaie, um ihm 10,-- West zu geben. Ich war jedoch nicht bereit. Wieso meinte ich, wir hätten doch umgetauscht wie sich das gehört, und außerdem sei das völlig neu für uns, dass wir eine Rechnung oder wie in diesem Falle ein Strafmandat in einer anderen Währung als der des jeweiligen Landes zu zahlen hätten. Bei einer Verkehrsübertretung wie dieser hier käme in Spanien, Frankreich, Italien oder anderen Ländern kein Polizist auf die Idee Bußgeld in einer anderen Währung als der seines Landes zu verlangen. Ich bat um eine Erklärung, warum das plötzlich hier anders sei, denn schließlich hätte ja auch die DDR eine eigene Währung. Statt einer Erklärung kam von seiner Seite ein langes und betretenes Schweigen.
„Was sollen wir denn bloß mit den 25,-- Mark anfangen, die wir verpflichtet waren umzutauschen?“ Fragte ich ihn. „Das sei zum Einkaufen und zum Essen“, meinte er. «Nein“ sagte ich „das ist für unseren Aufenthalt hier bei Ihnen und zu diesem Aufenthalt gehören auch solche Unannehmlichkeiten wie diese hier.“ Keine Antwort. Dann meinte er, dass wir natürlich selbstverständlich das Recht hätten, uns jeder Zeit zu beschweren. Wir sahen, dass wir nicht weiterkämen und wir wollten auch weiter. Wir zückten unser Portemonnaie und zahlten die 10,-- Mark West.
„So“, meinte er dann“ „und jetzt zeige ich Ihnen, wie Sie zu Goethes Gartenhaus kommen.“
„Das brauchen Sie nun nicht mehr“, antwortete mein holländischer Freund. „Den Spaß haben Sie uns gründlich verdorben.“ Etwas betreten trat der Verkehrspolizist Ost zurück und wünschte uns noch weiterhin eine gute Weiterfahrt.
Zu Hause angekommen erzählte ich einem Freund von unserem Erlebnis in Weimar. «Da hast Du aber Glück gehabt, mit deinen 10,--Mark West“ meinte er. «Mich hat man bei einer Geschwindigkeitsübertretung angehalten, statt 50 km/h bin ich 58 km/h gefahren und diese 8 km/h mehr haben mich glatte 120,-- Mark – West natürlich –gekostet“. „Auch ich hatte natürlich das Recht, mich jeder Zeit zu beschweren“.

                                                                                                                                                   Edith Fuchs, September 2014