Niederländische Erinnerungen an eine Transitreise durch die DDR nach Polen 1987

Grenzuebergang_Marienborn

 

Bei meiner ersten Reise nach Polen (1987) war es bei Nacht durch die DDR gegangen, so daß ich leider nichts von der Umgebung gesehen hatte.

Meiner Mutter wurde es auf einmal kribbelig und sie wollte, trotz unseren Beschwerden daß es bald Mitternacht war, nicht auf einer Raststätte zum schlafen anhalten, sowie wir es sonst so oft machten. Nein, sie wollte Auto, Kinder, Mann und Wohnwagen so schnell wie möglich durch die DDR fahren und so schnell wie möglich da wieder herauskommen. Später erklärte sie mir, sie hätte bei der DDR ein sehr schlechtes Gefühl gehabt, wegen der Diktatur der SED. Es gibt da krasse Beispiele von Unfällen und Sachen, von dem sie gar nichts wissen konnte und troztdem vorher geahnt hat. Dennoch kann ich mit solchen außerirdischen Gefühlen des sechsten Sinnes nichts anfangen. Ich erwiderte also daß Jaruzelski auch kein besserer Mensch sei als Honecker, aber bei meiner Mutter helfen ab und zu nun mal keine Argumente. Wenn sie etwas im Kopf hat, dann setzt sie sich durch, vor allem damals.

Wie die Grenzkontrolle bei der Einreise in die DDR normalerweise von statten ging, erzählen viele andere Zeugen. Bei uns lief es etwas anders. Es wurden, genauso wie bei den anderen Reisenden, die Pässe und Transitvisa kontrolliert, die grüne Karte mußte her, es gab Zwangseintausch von D-Mark gegen DDR-Marken und es wurde schon vier mal nach Waffen gefragt. Da meinte meine Mutter schon daß diese Fragerei ziemlich übertrieben war. Bei der letzten Kontrollstelle am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn hatte meine Mutter wohl genug von diesem Theater was sich schon eine halbe Stunde hingezogen hatte.

Als ein DDR-Grenzler erneut fragte ob wir vielleicht Waffen dabei hätten, hat sie einfach kurz und trocken "ja, immer!" geantwortet und wir erstarrten alle vor Schrecken, da wir erstens nicht mit Scherze meiner Mutter gerechnet hatten und zweitens meinten daß es jetzt zu einer unfreundlichen Durchsuchung kommen würde. Auch der Grenzler wußte nicht sofort genau wie er diese Antwort auffassen sollte, packte sich dann wieder zusammen und fragte ob meine Mutter ihm die Waffen zeigen konnte. "Nein", antwortete meine Mutter kurz, aber mit großem Lächeln. Nur meine Schwester kicherte. Der Grenzler fragte jetzt mit androhender Stimme um was für Waffen es sich denn handele. Da antwortete meine Mutter:"Ja, ich habe immer eine Waffe dabei und kann diese auch nicht ablegen… Denn es…" wo der Preußisch aussehender Grenzler sie mit einem "Wie bitte!?" unterbrach und meine Mutter ihren Satz beendete mit:"Ja die weibliche Waffe, natürlich!" Der Grenzler konnte dann ein großes Grinzen nicht mehr unterdrucken, sprang aber stramm in der Haltung, da sein Vorgesetzter auf uns zugelaufen kam. Meine Mutter lobte lächelnd den grinzenden Grenzler seinem Vorgesetzten gegenüber:"Ihre Angestellten sind sehr gut bei der Arbeit, denn sie finden alle Waffen, auch die geheimsten, zurück; Sogar die weibliche Waffe wurde bei mir gefunden!" Allerdings hatte dieser Major überhaupt keinen Sinn für Humor und er befahl uns barsch und lauthals:"Fahren Sie weiter!"

Als wir um halb eins in die dunkele Nacht hinein fuhren, sah es (in unseren westlichen Augen) aus als ob ‘unser Grenzler’ eine Verwarnung bekam wegen unzuläßliches Lachen. Im Auto schaffte mein Vater es dann noch gerade so lange zu schweigen bis wir aus der Sperrzone heraus waren und einen Parkplatz anfahren konnten, um den Papierkram von Reisepässen, Visen, Versicherungskarte und Ostgeld aufzuräumen. Dann knatterte er los, ob sie wohl nicht alle Taschen im Schrank hätte, an dieser Grenze, am eisernen Vorhang, solche blöde Scherze zu machen. Obwohl ich dieses Brüllen meines Vaters unnötig und sehr unangenehm fand und meinte daß der Scherz an sich witzig gewesen war, sagte ich meiner Mutter dann daß ich es doof fand uns so einen Schrecken anzujagen. Ich fragte ob sie etwa Lust gehabt hätte den ganzen Wohnwagen und das Auto vollständig aus zu packen und die ganzen Kissen kaputtgeschnitten zu bekommen. Erst dann kapierte sie daß es nicht nur witzig sondern auch riskant gewesen war.

Riskant war übrigens auch die Einfahrt zur Autobahn, weil sämtliche Verzögerungs- und Einfädelspuren aus Kopfsteinpflaster bestanden und sehr kurz waren. Dies führte auf der Heimreise dazu daß meine Mutter mal im zweiten Gang bis zu 80 Stundenkilometer gasgeben mußte um einen heransturmenden LKW zu entkommen. Das hatte natürlich mein Vater nicht mitgekriegt und er regte sich mal wieder höllisch auf weil die Drehzahl im Motor kritisch hoch gewesen war. Dabei kann man meiner Mutter wirklich nicht vorwerfen daß sie eine schlechte Fahrerin sei, sonnst hätte sie auf der Hinreise am Berliner Ring diesen unbeleuchten LKW, der kurz vor dem Abzweig Frankfurt/Oder mangels Pannenstreifen auf der Fahrbahn stand, nicht in letzter Sekunde entweichen können.

Es war auch sehr auffällig wie kurz hinter der GüSt Marienborn über uns ein riesiges Gewitter losbrach, was erst bei Frankfurt an der Oder wieder aufhörte. Der Regen rauschte ab und so laut auf unserem Autodach daß wir das Klappern der Räder auf den Betonnplatten auf der Transitautobahn nicht mehr hörten, bis die schlimmsten Böhen erloschen waren. Der Sonnenaufgang erlebten wir dann um vier Uhr morgens in der Warteschlange vor der polnischen Grenze. Da meine Mutter vorher etwas Polnisch gelernt hatte, konnte sie sich mit den Polen unterhalten und erntete leises Gelächter über das Wetter in der DDR:"Tja, die dadrüben, westlich der Oder, das sind 130% Kommunisten". Es folgte in Polen ein sehr schöner Tag …

Auf der Rückreise fuhren wir dann unzulässigerweise von der Transitstraße herunter um am frühen Abend in Cottbus noch eine Bekannte meiner ‘Tante’ zu besuchen. Bis wir da wieder fortfuhren war es dann auch schon dunkel, sodaß ich 1992 bei meiner Fahrradtour Ostdeutschland zum ersten Mal bei Tagelicht gesehen habe.