Grenzreiter

www.stellberger.de


Grenzritt in Freiheit und Freundschaft (2009 – 2012)

Das etwas andere Reit-Erlebnis

von Martin Stellberger

 

Mein Wanderritt an der Grenze, 1400 Kilometer lang, führte mich nicht an irgendeine Grenze zwischen Ländern, sondern quer durch Deutschland entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem bis 1989 so bedrohlichen Todesstreifen, der Deutschland seit Ende des 2. Weltkrieges teilte und Europa als „Eiserner Vorhang“ trennte. Mich begleitete mein treuer Flamenco Star, ein inzwischen 22 Jahre alter Fuchswallach von Flamenco (Westf.) und Katja von Karolus (Württ.). Der trakehnisch geprägte Fuchs ist seit seinem vierten Lebensjahr bei mir und ein wunderbares, zuverlässiges Wanderreitpferd, topfit, so dass er vor allem die letzte Etappe über fünf Wochen gut meisterte. Doch der Reihe nach:

Vor 23 Jahren, im November 1989, nahm ich mir vor: Diese Grenze reite ich als Wanderreiter ab vom Dreiländereck Sachsen-Bayern-Tschechien bis zur Ostsee bei Priwall! Damals fiel die Mauer in Berlin samt dem „Eisernen Vorhang“, der mit seinen tödlichen Minenfeldern, heimtückischen Selbstschussanlagen, den Signalzäunen und unmenschlichem Schießbefehl Europa teilte. Dieser Streifen sollte mein Weg werden. Dort wollte ich reiten, wo die DDR-Grenztruppen ihre Patrouillen fuhren, um potentielle Grenzverletzer zu fangen und an einer Flucht in den Westen zu hindern.


 

Die Grenze, hier beim Grenzmuseum Schifflersgrund, zog sich über rund 1400 Kilometer durch Deutschland.

 

Hier sollte mein „Grenzritt in Freiheit und Freundschaft“ verlaufen. Der Wunsch blieb zunächst ein Traum, denn ich musste 20 Jahre ins Land und in mein Leben ziehen lassen, bevor ich mich daran machen konnte, diesen Traum zu erfüllen. Mit dem 20-jährigen „Jubiläum des Mauerfalls“ brach sich meine Idee endlich Bahn und ich konnte 2009 in den Pfingstferien starten. Wichtig dabei war, dass ich in meinem Verein einen Reiterkameraden fand, der sich von meiner Idee anstecken ließ und mich auf der ersten Etappe über zwei Wochen begleitete. Die folgenden vier Etappen ritt ich dann alleine, weil mein Kamerad beruflich nicht frei war.

Diese erste Etappe führte uns von Mittelhammer am Dreiländereck bis nach Döhlau bei Schalkau in Südthüringen. Ein Jahr später knüpfte ich dort wieder an und kam bis Schweickershausen. 2011 erreichte ich Vacha an der Weser. Dort startete ich zu Pfingsten 2012 wieder und kam bis Ecklingerode bei Duderstadt. Ende August 2012 ging ich, nun als pensionierter Realschullehrer, auf die letzte Etappe und war für die verbliebenen knapp 800 Kilometer bis Priwall an der Ostsee fünf Wochen am Stück unterwegs.

Dieser „Grenzritt in Freiheit und Freundschaft“ war ein Abenteuer ohnegleichen. Kein Quartier, keine Tagesroute war vorab erkundet. Immer ließ ich es darauf ankommen, wenn ich am Nachmittag in mein „Zieldorf“ einritt, das ich mir auf der Karte ausgesucht hatte. Immer hielt ich mich an die Dörfer auf „östlicher Seite“ der Grenze, die heute die Landesgrenze zu Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern darstellt.

 

 

Ehemals gesperrte Straßen zwischen Ost und West weisen Grenzreste als Mahnmale auf.

 

Immer kam ich mit den Menschen ins Gespräch, die mit diesem Grenzregime leben mussten. Ihre Erinnerungen gaben mir einen tiefen Einblick in das Leben zur Zeit der DDR: Ständige Kontrollen, kein wirkliches Privatleben, Feldarbeit nur unter strenger Bewachung. Von Fluchtversuchen hörte ich oder las in Dokumenten, von gelungenen und solchen, die im Fiasko endeten mit langen Gefängnisstrafen, Verstümmelung durch Minen oder Tod durch die Schüsse der Grenzer und immer auch davon, dass die Familien quasi in „Sippenhaft“ genommen wurden, wenn jemand einen Fluchtversuch unternommen hatte.

Bei Gräfenthal in Thüringen war ich zu Gast bei einem älteren Ehepaar. Mein Gastgeber hatte darauf verzichtet, „seine Akte“ zu lesen: „Ich will hier weiter in meinem Dorf leben und nicht so genau wissen, wer für die Stasi gearbeitet hat!“ Mich beeindruckte diese Haltung, die sehr viel mit Vergebung zu tun hat. Bei Brochthausen traf ich einen Spaziergänger, der mir Erschütterndes vom 14. Dezember 1971 erläuterte, weil er Beteiligte kannte: Ein junges Ehepaar hatte die Flucht gewagt und geriet ins Minenfeld. Der Mann wurde leichter verletzt, das Baby gar nicht, die junge Mutter erlitt schwerste Verletzungen. Die drei wurden, weil der Knall der Mine zu hören war, von Bürgern aus den westlichen Dörfern Fuhrbach und Brochthausen unter Lebensgefahr geborgen und gerettet.

Aus Geisa wurde mir ein Gastgeber zum Freund, der nicht nur Pferdemann ist, sondern als 15-jähriger zusammen mit weiteren fünf Kameraden bei Nacht und Nebel die Grenze überwunden hatte. Trotz Minen und Wachtürmen blieben sie alle unentdeckt. Jahrzehnte später, nach der Wende erst, konnte er sich in seine Heimat aufmachen, wo ihm Tüchtigkeit und Fleiß wieder eine gute Basis schufen.

Wer diese Grenze entlang reitet, kommt auch mit Menschen zusammen, die verschleppt wurden oder die miterlebten, wie im Zuge der Aktionen „Ungeziefer“ oder „Kornblume“ einsame Gehöfte oder ganze Dörfer entvölkert und geschleift wurden, um die Menschen an einer Flucht zu hindern bzw. um freies Schussfeld für die Grenzer zu schaffen, die von versteckten Erdbunkern oder hohen Wachtürmen aus ihren Grenzabschnitt bewachten.

 

Der Rest des Dorfes Leitenhausen. Es wurde wegen seiner Grenznähe 1972 geschleift.

 

Einer meiner Gastgeber im Norden erlebte als Bub, wie seine Familie ins „Hinterland“ geschafft wurde. Kurz vor dem Mauerbau gelang ihr dennoch die Flucht über Berlin. Erst mit dem Mauerfall erhielt er seinen elterlichen Hof zurück – zu alt, um ihn noch einmal selbst umfassend zu bewirtschaften, obwohl er die Kenntnisse dazu hatte.

 


Unmittelbar an der Grenze liegt Hötensleben. Die Grenzanlagen sind zur Mahnung als Museum erhalten.

 

Doch es gab für mich als Wanderreiter nicht nur die traurige Seite des Lebens mit der Grenze zu erfahren: Es war wunderbar, jeden Tag neue Gastfreundschaft zu erleben. Nirgendwo stieß ich auf Ablehnung; immer verhalf mir jemand zu einer Unterkunft für mein Pferd in erster Linie und auch für mich. Manchmal logierte ich im Gasthof oder in einer Ferienwohnung, meist aber kam ich privat unter und erlebte Menschen, die meiner Reiterreise und meinem Interesse an ihnen großen Respekt zollten. „So einen wie Dich hatten wir hier noch nie!“ sagte mir ein Gastgeber. Ein anderer, Landwirt von Beruf, lud mich vom Grenzweg weg, wo wir ins Gespräch kamen, spontan ein und bot mir Quartier. Die Abende wurden meist lang, voller teils schmerzlicher Erinnerung an das Leben in Grenznähe, an Enteignung, Zwangseingliederung in die LPG, gescheiterte Fluchten, Verhaftung, Gefängnis ... Auch die Wende mit all ihren neuen Problemen für „gelernte DDR-Bürger“ kam natürlich zur Sprache. Aber zurück haben will die DDR keiner.



Grenzlehrpfad bei Böckwitz: Hans-Dietrich Genscher ließ hier eine Eiche pflanzen.

 

Besondere Tage erlebte ich in Ziemendorf in der Altmark: Das Gebäude der ehemaligen Grenzkompanie entpuppte sich als „Hotel - Freizeit- und Pferdeparadies“. Mir, als Reserveoffizier der Bundeswehr, machte es ungeheuer viel Spaß, hier zu wohnen und ich blieb gleich zwei Tage da, um meinem Pferd und mir Erholung zu gönnen und die herrliche, offizielle Pferdeschwemme im Arendsee zu genießen. Entlang der Grenze gibt es in vielen Dörfern oder in deren Nähe verfallene Kompaniegebäude der Grenztruppen. Nur wenige wurden einer neuen, sinnvollen Nutzung zugeführt. Niemand hat Interesse, niemand will hier investieren. Vertane Chancen, denke ich …

 


Die ehemalige Grenzkompanie ist heute „Freizeit- und Pferdeparadies“ in Ziemendorf am Arendsee.

 

Deutschland ist schön! Meine Reise mit meinem Vereinskameraden führte uns zu Beginn über den Frankenwald und den Thüringer Wald. Gnadenlose Anstiege, zum Teil 25 Prozent und mehr, und ebenso schwierige Abstiege waren dem Kolonnenweg folgend zu überwinden. Viele Kilometer ging ich neben meinem Pferd her, um ihm den Marsch zu erleichtern, schließlich hatte Flamenco nebst Sattel und mir auch ein stattliches Gepäck zu tragen. Später folgten die Rhön und zuletzt der Harz, bevor ich in die „flacheren Regionen“ vorstieß. Bald erreichte ich die Elbe, in deren Elbe-Radwanderweg und Deichverteidigungsweg der ehemalige Grenzweg seit den schlimmen Hochwassern integriert wurde.

Zum Grenzweg sei noch angefügt: Über weite Strecken sind die „Betonplatten des „Kolonnenweges“ erhalten. Er dient meist als Wirtschaftsweg. Ein echter Reitweg ist er nicht, obwohl er manchmal als solcher ausgeschildert ist. Nur zwischen den Betonplatten kann das Pferd gehen – im Schritt.

 

 

Manchmal ist der Kolonnenweg etwas komfortabler

 

An vielen Teilen, vor allem in Sachsen-Anhalt, ist die Platte verschwunden, überbaut oder vom Pflug weggerissen. Dabei ist „der Kolonnenweg“ über GPS noch sichtbar! Da haben die Behörden und die als GmbH weitergeführten ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) wenig Geschichtsbewusstsein bewiesen. Es gibt zwar vielerorts Gedenksteine und Mahnmale, interessante Grenzmuseen wie Mödlareuth, Obersuhl, Schifflersgrund bei Asbach, Point Alpha bei Geisa oder in Schnackenburg.

 

 

 

Original erhaltener Grenzstreifen im Grenzmuseum „Mödlareuth“ zwischen Bayern und Thüringen mit Kolonnenweg, Spurensicherungsstreifen, KFZ-Sperrgraben und Signalzaun.

 

Meiner Meinung nach müsste der Grenzweg nicht nur als „Grünes Band“ dem Naturschutz dienen, der weite Strecken überwuchern lässt, sondern er müsste durchgehend erhalten werden und als „historischer Weg erinnern an die Teilung Deutschlands, vor allem an deren Überwindung.“ Verdienste haben sich da zum Beispiel die Heinz-Sielmann-Stiftung und viele örtliche Vereine erworben. Wurde der Grenzweg wieder Teil eines Privatanwesens oder Weide, so ist er häufig nicht mehr offen, überwuchert, herausgerissen oder sonst wie unzugänglich.

Und dann kam ich eines Tages in Dassow an. Das Städtchen liegt nur wenige Kilometer vor der Ostseeküste. Ich hatte mein Ziel vor Augen, zumindest auf der Karte. Meine Frau hatte ich schon ein paar Tage zuvor gebeten, mit dem Zug zu kommen, um mit mir meine Ankunft am Ostseestrand bei Priwall zu feiern. Am 25. September 2012 war es dann soweit: Ich traf an der Ostsee ein mit einem etwas seltsamen Gefühl auf der Seele. Meine Reise war zu Ende … Ich glaube, es geht jedem Reisenden so, der eine lange Zeit unterwegs war und dann am Ziel ankommt. Die Wochen allein mit meinem Pferd auf Achse – daran hatte ich mich gewöhnt. Doch dann war Schluss. Ein wenig seltsam war es mir schon ums Herz.

 

 

Ankunft am Ostsee-Strand bei Priwall am 25. September 2012

 

Was bleibt? Die Erinnerung an ein Deutschland, das sich so vielfältig gezeigt hat in Natur und Landschaft, an viele Menschen, die mir begegnet sind - freundschaftlich, hilfsbereit und gastfreundlich. Nirgendwo wurde ich abgelehnt, überall fand ich Unterkunft oder Unterstützung. Immer wurden meine Reise und meine Motive anerkannt, ja auch bewundert. Dafür bin ich für immer dankbar. Öfter interessierten sich sogar örtliche Zeitungen für meine Reise, sogar SWR und NDR. Deutschland hat sich mir von seiner besten Seite gezeigt, Hektik und Ellenbogen vergessen lassen. Meine Reiterreise war beschaulich im Tempo, anstrengend in den Gebirgen, aber immer interessant und voller wunderbarer Begegnungen. Und mein Pferd? Flamenco war mir mehr als nur Reittier und Sattelschlepper. Treu und zuverlässig erwies er sich und auch genügsam, wenn die Unterkunft provisorisch war. Vor allem aber war er ein „Türöffner“ für mich. Flamenco öffnete mir die Herzen meiner Gastgeber, wenn wir vor deren Tür standen, denn einer „der mit seinem Pferd durch Deutschland reitet, dem kann man getrost ein Quartier geben.“

 

Martin Stellberger (63)

Realschullehrer i. R.

Weingarten/Württ.

Webseite: www.stellberger.de

Email: martin.stellberger@yahoo.de.


Am Ziel: Am Strand von Priwall endete der DDR-Zaun an der Ostsee.