"Und über uns die Sterne"

Die Flucht nach Mackendorf in den Osterferien am Ende des März 1967

An alle, die glauben, dass der Krieg zu Ende war als er endete.

von Ragna Hummel, 2008

Grenzanlagen bei Nesselroeden

© B.Siemers

 

"Wann sind wir da?" fragten wir unsere Muddel, so nannten wir unsere Mutter, als der Zug wieder einmal eine Station hinter sich lies. Es war spät: "Wann sind wir da?" fuhren fort sie zu plagen. Da sagte sie es, oder richtig gesagt sie gab uns dieses Zeichen das wir am liebsten nicht wieder sehen wollten. Mit dem Zeigefinger auf dem Mund sagte sie nur: "Sccchhhh."

Diese Antwort ließ uns die Angst den Rücken runter laufen. Versuchen wir es wieder mal. Es war schon das dritte mal dass wir versuchten in den Westen zu kommen. Was passiert wenn sie uns wieder erwischen? Was ….Ich darf nicht daran denken. Der Zug blieb stehen und wir begaben uns in die dunkle Frühlingsnacht, in einem kleinen Ort der sich gerade auf den Schlaf vor bereitete.

Wir gingen an ein paar Häusern vorbei, die mit ihren warmen Lichtern sehr einladend aussahen. Bei einer Waldeslichtung schlugen wir unser Nachtlager auf. Die Baumkronen wiegten sich sachte im Wind, es war eine ungewöhnlich klare Nacht, über den Baumkronen sangen die Sterne ein Nachtlied für uns. Es war am Abend vor Ostern.

Der Ostertag war ein schöner Tag, wenn man ihn vom Wetter her betrachtet. Er fing so schön an, aber es sollte ein Schicksalstag werden. Doch davon wussten wir noch nichts.

Zwischen den Frühlingsblumen im Wald hatte der Osterhase in der Nacht Osternester versteckt. Wir Kinder, meine kleinen Geschwister die drei Jahre jünger sind als ich und damals 9 Jahre alt waren und mein großer Bruder der damals 19 Jahre alt war, sprangen herum und hatten bald alle Nester außer einem gefunden.

Verzweiflung spielgelte sich im Gesicht meiner Mutter. In diesen Nestern waren außer Schokoladenhasen auch gekochte Ostereier. Und diese waren in die Essensrationen eingerechnet die wir brauchten. Aus Sicherheitsgründen sind wir eine Station nach Magdeburg aus dem Zug raus, sie wollte nicht mit dem Zug zu nahe an die Grenze fahren. Sie hatte ausgerechnet dass wir die Grenze in zwei Tagen zu Fuß erreicht haben sollten. Und für diese zwei Tage hatte sie Essen eingepackt. Jetzt fehlte ein Teil, aber das war nicht das Schlimmste was uns an diesem Tag passierte. Zuerst mal packten wir zusammen was wir hatten und fingen unsere Fußwanderung durch den Wald zum nächsten größeren Ort an.

Aber Wälder sind verräterisch. Ein Stieg gleicht dem anderen und alle Bäume sehen gleich aus. Alle Wege führen irgendwann aus dem Wald heraus, aber in diesem Wald schienen alle Wege im Kreis zu gehen. So kam es uns auf jeden Fall vor, denn wie wir auch gingen landeten wir immer am selben Platz, irgendwo im WalNachdem wir so fast den ganzen Tag im Kreis wanderten und den richtigen Weg suchten sah die Zukunft nicht gerade "golden" aus für uns. Der "goldene Westen" schien hier noch weiter weg als Görlitz wo wir bis dahin gewohnt hatten. In letzter Verzweiflung fragte meine Mutter ein alten Herren der lieb aussah. Sie wollte den Weg zu einem Ort, dessen Namen ich heute nicht mehr weiß, wissen. (Wir hatten aber Kompass dabei und müssen uns in Richtung Westen gehalten haben. Wenn man auf der Karte schaut ist Haldensleben wohl der Ort wo wir den Zug verlassen haben und sind dann in den Wald westlich vom Ort. Bis nach Altenhausen sind es zwischen 6 und 10 km also eine gute Stunde zu Fuß. Nach meinen Aufzeichnungen wollte sie bei Marienborn über die Grenze, oder auf jeden Fall in dessen Umgebung.)

Der Mann war erst ein bisschen misstrauisch. Meine Mutter versuchte zu erklären dass sie zur Hochzeit ihrer Tochter wollte und es liebt zu gehen, nicht zu fahren. Diese Erklärung hatte sie immer benutzt wenn jemand gefragt hat. Der Herr ging also vor uns weiter und versicherte uns den Weg zu zeigen. Irgendwie wurde meine Mutter auch misstrauisch und als der Weg sich teilte, zeigte sie mit Hand und Fingersprache dass wir abweichen. Fluchs verschwanden wir und versteckten uns in einer Schonung die meine Mutter gesehen hatte als wir noch umher irrten.

Die Bäume in der Schonung waren hoch gewachsen und ließen einen angenehmen Platz zum durchstreifen. Aber wie jede Schonung war sie sehr licht und man konnte von einem Ende zum Anderen sehen. Während wir nach einem guten Versteck suchten stießen wir auf eine Kule mitten zwischen den Bäumen. Ich nehme an dass unser Schutzengel irgendwann mal die Kule für uns vorbereitet hatte. Sie war groß genug für uns alle und auch tief genug um nicht gesehen zu werden. Wir waren hungrig und müde aber vor allem hatten wir Angst.

Diese Angst spielte mein Leben lang ein Schnäppchen mit mir, oder besser gesagt mit meinem Erinnerungsvermögen. In der Erinnerung sehe ich mich nämlich wie ich über die Kante der Kule schaue und am Waldrand viele Menschen sehe. Diese suchten nach uns, dachte ich.

Heute weiß ich dass es vielleicht viele Spaziergänger dort gab, es war ja Ostersonntag, aber sie waren eben nichts anderes als Spaziergänger. Meine Phantasie hatte sie mit Funkgeräten (Walky Talkies) und Motorrädern versehen und hektisch suchend. Meine Mutter meinte aber dass sie uns gefunden hätten wenn sie gesucht hätten. Ich glaubte immer dass sie nicht kamen weil sie durch den Wald durch sehen konnten und da war keiner da. Noch heute verstehe ich nicht wie meine Erinnerung alles so dramatisch darstellte. Ich nehme an dass die Angst entdeckt zu werden eine Rolle spielte. Was für ein Spaßmacher die Erinnerung manchmal sein kann.

Während wir uns vor der Welt versteckten aßen wir Butterbrot und Eier und hielten uns schön unter dem Erdniveau. Nach einer langen Wartezeit haben wir unseren Weg fortgesetzt. Ich frage mich was der Mann dachte als er merkte dass er uns verloren hatte. Naja, wir gingen auf jeden Fall weiter. Der Tag ging dem Ende entgegen und die Leute in den Häusern machten sich für eine neue Nacht bereit während wir mit Hilfe vom Kompass weiter nach Westen wanderten.

Dieses Mal kamen wir aus dem Wald und bei einem Bauernhof fanden wir ein warmes Nachtlager in einem Strohhaufen.

Niemand konnte uns da oben sehen. Der Strohhaufen hatte nur eine Schwäche. Er lag zu nahe am Bauernhof um lange schlafen zu können. Aus Sicherheitsgründen weckte uns unsere Mutter schon als es anfing hell zu werden. Verschlafen und feucht trotteten wir wieder in richtung Wald wo wir später als die Sonne warm wurde uns am Wegrand ausruhten, mit den Schuhen und Strümpfen in der Sonne an den Zweigen hängend haben wir das letzte Essen das wir hatten unter uns fünf verteilt. Das waren ein Brötchen und zwei Eier.

Nach einigen Stunden gingen wir weiter der Freiheit entgegen. Bei einem Fluss musste unsere Mutter uns Kleine rüber tragen. Zum Glück war es hier nicht so tief, mein großer Bruder trug das Gepäck. Tieferes Wasser wartete aber noch auf uns. Die Nacht kam aber wir gingen weiter. An den Straßen waren Straßengräben die wir aufsuchten sobald ein Auto sich näherte. Zum Glück gab es da ja nicht so viele davon. In dieser Nacht sangen die Sterne uns ein Wanderlied. Die ganze Nacht zogen wir westlich und manchmal nördlich.

Am dritten Tag regnete es. Müde und hungrig fanden wir erneut einen Strohhaufen, dieses Mal auf einem Acker. Essen war ja nicht drin aber schlafen konnten wir da schön warm und trocken. Ich hör noch heute wie der Regen auf das Stroh viel, ein richtiges Wunder so ein Strohhaufen. Oben regnete es aber ich lag unter den Halmen warm und trocken.

Irgendwann mitten am Tag wachte ich auf und meine Mutter war verschwunden. Ich hatte Angst, blieb aber liegen und wartete. Nach einer langen Weile kam sie wieder. Sie musste mal und als sie zurück zum Haufen kam sah sie den Bauern auf dem Acker. Aus Angst gesehen zu werden versteckte sie sich und wartete bis er wieder gegangen war.

Am Abend war es trocken, auf jeden Fall von oben. Der Regen ist weiter gezogen, und so taten wir es auch. Wir gingen an Äckern vorbei über Brücken bis wir an einem richtigen tiefen Fluss standen.

Eine Brücke gab’s da nicht. Wir hielten uns ja auf kleinen Wegen um nicht entdeckt zu werden. Das Wasser war kalt und ging meiner Mutter an die Brust. Auf der anderen Seite war eine Mauer. Mein großer Bruder der selbst rüber gehen konnte kletterte dort hinauf und nahm Gepäck und uns Kleine entgegen. Zum Schluss zogen wir unsere Mutter hoch. Sie war total erschöpft und der Mantel den sie anhatte war schwer wie Stein. Sie brauchte zuerst mal eine Pause.

Später kamen wir an einen neuen Wald an dessen Rand ein Häuschen stand mit Licht drinnen. Dieses Mal gab das Licht kein warmes Gefühl, denn wir wussten dass wir an der 5km Zone angekommen waren und dass da drinnen mit Sicherheit Wächter saßen. Denn in dieser Zone durfte keiner wohnen.

So leise wir konnten schlichen wir uns vorbei.

Der Karte nach sollten wir eine Eisenbahnlinie überqueren müssen bevor wir an der Grenze waren. Aber statt Gleisen sperrte erneut ein größerer Bach den Weg ab. Meine Mutter dachte noch, nein nicht noch mal, a sahen wir Steine die heraus ragten und so eine Brücke bildeten. Auf der anderen Seite war ein Stacheldraht.

Während meine Mutter über die Steine ging untersuchte mein großer Bruder der schon drüber war den Zaun: "Du Muddel, das is schon die Grenze." sagte er. Sie schaute auf den Stacheldraht und dann zum Haus das ein bisschen weiter weg lag und in Licht badete. Ein Wächterhaus.

Hier war sie also, die Grenze in den Westen, drei Stacheldrahtzäune, dahinter die Freiheit.

Zwischen den Zäunen waren hohe Grasbüsche. Hier war es moorig. Irgendwo dazwischen sollen auch Minen sein, das wussten wir. Aber daran dachten wir nicht. Denn jetzt hatten wir es eilig, alles musste schnell gehen. Die ersten beiden Zäune waren unregelmäßig gespannt mit großen Zwischenräumen. Durch diese langten wir das Gepäck zu meinem Bruder der schon drüber geklettert war. Und meine Mutter gab uns auch durch. Eigentlich wollte ich selbst drüber klettern, ich war ja im Abenteueralter, aber hier durfte nicht gebockt werden. Während wir auf den Grasbüschen zum nächsten Zaun liefen, kletterte meine Mutter über den ersten. Sie war vorsichtig, aber ihr Kleid ist am Stacheldraht hängen geblieben, und sie wollte es vorsichtig ab nehmen. Aber wir waren unruhig: "Beeil dich, wenn die uns sehen und schießen.." stressten wir sie. Da riss sie einfach das Kleid und ließ die Fetzen hängen. Sie kam zum zweiten Zaun als wir das Gepäck schon durch gegeben hatten. Wir durch den Zaun von Arm zu Arm, und so zum nächsten Zaun. Der war gleichmäßig gespannt, da mussten wir selber drüber klettern, das war toll.

Alles zusammen geschah in zehn Minuten, dann kamen wir in einem kleinen Dorf an. Zuerst gingen wir zum Ortsschild: " Mackendorf, Kreis Helmstedt" stand drauf. Welch ein Jubel, wir hatten es geschafft. Ich schaute nochmal zurück zum Osten, dort auf der anderen Seite an der polnischen Grenze schlief meine beste Freundin ohne zu ahnen was geschehen ist. Ich wusste dass es entweder sehr lange dauern würde bis ich sie wieder sah, oder vielleicht niemals mehr. Es dauerte 23 Jahre.

Aber wir brauchten Hilfe, meine Mutter wollte ihre Schwester in Hockenheim anrufen. Diese wusste nämlich nichts von unserer Flucht.

Wir klingelten an einer Tür im ersten Haus, es war ungefähr 23 Uhr, dort schickte man uns zu einem Gasthaus. Das Gasthaus war auch schon dunkel und die Fensterläden geschlossen. Wir klopften an einen Fensterladen und ein Mann in Nachtmütze schaute raus. Er schickte uns zu einem Haus, was das Selbe war wie das Haus in dem wir schon waren. Wir hatten auch einen Namen bekommen, und den fanden wir gegenüber der Wohnung in der wir zuerst gefragt hatten. Hier wurden wir aufgenommen. Der Mann in der Familie war ein Grenzer. Am Küchentisch sitzend bekamen wir Kinder einen Schokoladenhasen. Meine Mutter bekam ein Leberwurstbrot. So lange ich denken konnte habe ich mir gewünscht einmal Westschokolade essen zu dürfen, und man meinte es wohl auch gut, denn die Hasen kamen von seinen eigenen Kindern. Aber was er nicht wissen konnte war dass wir fast zwei Tage lang nichts gegessen hatten, und da ist Schokolade nicht das was man sich wünscht. Aber man darf auch nicht undankbar sein. Also habe ich den Hasen gegessen war aber immer noch richtig hungrig und das Leberwurstbrot in der Hand meiner Mutter war sooooo lockend. Sie selbst konnte nur einen Bissen essen, denn sie war so nervös dass sie zitterte, während sie erzählte was wir erlebt hatten.

Ich schaute sooo verliebt auf das Brot, und wenn meine Blicke es vermocht hätten wäre es geradewegs in meinen Mund geschwebt. Meine Mutter sah das und fragte mich ob ich es haben will. Ja, nickte ich eifrig und dann verschwand das Brot in meinem Mund. Noch heute wenn mich jemand fragt was das Beste war das ich je gegessen habe so antworte ich:"Ein Leberwurstbrot."

Irgendwann kam, ein Auto, ich glaube es war ein Taxi. Das fuhr uns nach Helmstedt wo wir schon erwartet wurden. Dort durften wir baden und bekamen richtiges essen und schöne Betten. Meine Mutter durfte ihre Schwester anrufen die erst mal glaubte dass sie nicht richtig hörte. Sie setzte sich aber zusammen mit ihrem Mann ins Auto und fuhr in Richtung Helmstedt.

Spät in der Nacht oder früh am Tag gegen drei Uhr Morgens krochen wir in die Betten, zum ersten Mal seit drei Nächten. Frei von Angst schliefen wir bis es hell war. Wir hatten auch neue Kleidung bekommen. Solche die die Leute zur Kleidersammlung gegeben haben. Ich bekam einen Pulli der breiter als lang war, einen Rock und Strümpfe, natürlich auch Unterwäsche, aber keine Strumpfhalter. Die Strümpfe haltend standen mein kleiner Bruder und ich an der Haustür und warteten auf unsere Tante mit Mann. Wir hatten vor dem Mauerbau Besuch von ihnen bekommen, wir wussten deshalb dass sie in einem weißen Sechssitzauto (Kombi) kommen mussten und beide dick waren. Ein blaues Sechssitzauto kam, und zwei dicke Menschen stiegen aus. "Das sind sie." sagte mein Bruder und verschwand nach drinnen. Ich schaute blinzelt zu en Beiden, da sagte meine Tante: " Ja wir sind es." Also ich, die Strümpfe haltend rein, wo mir schon die ganze Gesellschaft entgegen kam, und rief glücklich: "Sie kommen, sie kommen!"

Am nächsten Tag kam die Bildzeitung zu uns. Meine Tante hatte dort angerufen. Sie fragten einen Haufen Fragen und fotografierten uns. Am 28. März konnten dann alle Menschen lesen:

"Mutter mit vier Kindern flüchtete durchs Moor"

Auf einem Bild konnten sie eine müde und ernste Frau, einen jungen Mann ernst schauend und zwei kleinere Kinder ein Junge und ein Mädchen auch ernst schauend sehen. Die einzige die lächelte war ein Mädchen mit einem Pullover der breiter war als lang einen kurzen Rock über zwei Strümpfen die auf jeden Fall gerade da nicht gehalten wurden.

Zuerst haben wir bei meiner Tante gewohnt, dann bekamen wir eine kleine Übergangswohnung in Mannheim Rheinau und später haben wir in Sandhofen eine richtige Wohnung bekommen. Heute wohne ich in Schweden auf der schönen Insel Gotland und helfe im Sommer deutschen Touristen die Insel zu genießen.

Mit den Jahren habe ich auch gelernt dass nicht alles Gold ist was glänzt. Im "goldenen Westen" war vieles Katzengold.

Aber ich habe meine Freundin und unsere lieben Erzieherinnen wieder getroffen. Das war 1990.

Aber der Krieg ist noch nicht vorbei. Richtig, man kämpft nicht mehr mit Waffen, und die Grenze ist auch nicht mehr da. Und natürlich ist Frieden im Land. Aber wenn du glaubst dass der Krieg zu Ende war als er endete irrst du dich.

Die Grenze die das Land so verletzte hat eine Narbe hinterlassen. Eine Narbe die lange braucht bis sie weg ist. Es gibt immer noch die und wir auf beiden Seiten. Und so lange Menschen nur Gegensätze an einander sehen wird es immer die und wir geben.

Ein Krieg endet erst wenn die Menschen aufhören nach Unterschieden zu suchen. Er hört erst dann auf wenn die Menschen Gleichheiten sehen und Hass mit Lieber ersetzen. Dann, erst dann ist der Krieg zu Ende, wie groß oder klein er auch war.