Flucht über Gutenfürst (vor 1952)

© B.Siemers

Nachts über die grüne Grenze

Der Reiseverkehr zwischen der russisch besetzten Ostzone und der von den Amerikanern besetzten Westzone war stark eingeschränkt. Es gab damals zwar noch keine Mauer mit Stacheldraht aber die Grenze wurde militärisch bewacht.

Meine Mutter wollte aber mit meinem Bruder und mir die Familie im Westen besuchen. Ich war sieben Jahre alt. Der Plan war, illegal mit Hilfe von Schmugglern über die Grenze zu gehen. Mein Vater brachte uns mit dem Auto in ein Dorf in der Nähe der Grenze. In einem Gasthof bekamen wir Kontakt mit einem Schmuggler. Wir warteten bis es dunkel war und gingen dann mit dem Schmuggler los. Inzwischen war noch eine Frau mit ihrer kleinen Tochter in unsrer Gruppe.

Wir liefen etwa drei vier Stunden über Wiesen und Felder, um die Straßenkontrollen zu umgehen: Dann hieß uns der Schmuggler in the middle of nowhere halten. Hier sollten wir warten bis es hell würde und dann geradeaus in der von ihm angegebenen Richtung laufen und kämen dann zum Bahnhof Gutenfürst. Dort sollten wir vorsichtig aber schnell an den Kontrollen vorbeilaufen und in den Zug nach Hof einsteigen. Dann ließ er uns allein: Wir warteten, es war eine kühle Sommernacht. Als es hell wurde liefen wir los, stoppten aber gleich, als wir hinter einem Kornfeld einen Mann stehen sahen. Wir legten uns flach ins Gras um nicht gesehen zu werden. So lagen wir da in Angst, bis wir nach einer Stunde feststellten, daß der Mann eine Vogelscheuche war.

Nach einem Kilometer kamen wir zu dem Bahnhof Gutenfürst, wo schon der Zug stand. Aber wir mußten noch an dem Kontrollhäuschen vorbeilaufen. Als wir schon vorbei waren, rief die kommunistische Grenzpolizei: „Halt, kommen sie zurück!"

Meine Mutter sagte noch zu der Frau mit dem kleinen Mädchen: „Komm, mach schnell!". Die blieb aber stehen und wurde dann von den Grenzern festgehalten. Meine Mutter lief mit uns einfach weiter und wir stiegen in den Zug ein. Dann fuhren wir mit dem Zug weiter zu unsere Familie in einem Dorf bei Darmstadt.

                                                                                                                                           Randolf Worner 2012