Ausreise aus der DDR (1964) über Herleshausen

Genau dieses Auto hatten meine Eltern: Englischer ´62er Ford Anglia Kombi

Damals als 7 jähriges Kind fuhr ich mit meinen Eltern und Schwester aus Holland in die DDR. Besonders viel Eindruck machte die Ausreise ....

Wegen seiner Arbeit konnte mein Vater im Sommer keinen Urlaub aufnehmen. Also fuhren wir Ende Oktober 1964 in die DDR zur Besuch der Familie meiner Mutter. Meine Mutter hatte schon vorher in Holland die Visa bestellt. Meine Eltern mussten je 3 oder 4 Karten mit Personaldaten ausfüllen und auf jeder Karte wurde ein Passfoto verlangt. Dann, einige Wochen später,  konnte Sie die Visa beim Reisebüro abholen. Also fuhren wir Morgens sehr früh los. Bei der Einreise in die DDR musste an der Grenze für Benzin Coupons in West Geld bezahlt werden. Die Grüne Karte der Niederländische Kfz-Versicherung war damals in der DDR nicht gültig, also musste eine DDR Versicherung abgeschlossen werden. Auch die Kfz-Steuer musste separat bezahlt werden. Schließlich war dann noch pro Tag, pro Erwachsene eine bestimmte Summe von damals holländische Gulden in DDR Marken zu wechseln. Das Auto war nicht froh mit dem DDR Benzin "Super Blau", denn es dieselte nach mit diesem Sprit. Nach Ankunft mussten wir uns innerhalb 24 Stunden in der Kreisstadt bei der Polizei anmelden. Die Sache war innerhalb 30 Minuten erledigt aber kostete wegen der hin und her Fahrt immerhin einige Zeit. Dann hat der Urlaub erst richtig angefangen. Der Aufenthalt bei der Familie war sehr angenehm. Geschenke die wir aus dem Westen mitgebracht hatten waren sehr zum Geschmack unserer Gastgeber. Da bekamen meine Eltern einige sehr schöne Bleikristallen Vasen geschenkt. Das waren so genannte "Devisen Waren" die die DDR für gutes,  ausländisches Geld (Devisen) verkaufen konnte im Westen. Also war es nicht gestattet die Sachen zu verschenken zum Export. Mittlerweile sind sie 50 Jahren alt, aber immer noch sehr schön. Dann, am Freitag, den 6. November war es Zeit wieder die Heimreise vor zu bereiten. Meine Mutter packte die Koffer. Da muss es ein Missverständnis zwischen meine Eltern gegeben haben, denn unterwegs auf der Autobahn fragte mein Vater: "Wo hast du eigentlich die schöne Vasen gelassen?". Da antwortete meine Mutter: "Damit sie nicht beschädigen in jedem Koffer eine". Mein Vater war gar nicht froh mit diesem Antwort, denn bei einer Kontrolle würde dann immer eine Vase aufgefunden werden. Lust die Vasen allen zusammen in einem Koffer zu packen hatte er wohl auch nicht. Dann hat er meine Mutter noch gefragt nach dem Inhalt der kleine Reisetasche die direkt hinter dem Hecktür stand. "Unwichtige Sachen", hat meine Mutter geantwortet und dann sagte mein Vater: "Na ja, ich rette mich schon an der Grenze". Die Nacht war schwarz als wir im einzigen Fahrzeug bei der DDR Grenzübergang Wartha/ Herleshausen ankamen. Zusammen mit meinem Vater bin ich dann gleich ausgestiegen. Nach der lange Fahrt brauchte ich frische Luft. Es regnete: die Tropfen sahen in dem gelben Licht der Straßenlampen irgendwie großer aus. Links und rechts vom Auto gab es Baracken in dem die verschiedene DDR Grenzbehörden ihr Büro hatten. Von der Fahrbahn aus gab es einige Treppen zu diesen Baracken. Auf einmal stand da ein Zollbeamter im dunklen langen Wintermantel und mit "Vopo" Wintermütze. Er fragte meinen Vater "bitte auf zu machen" und dabei wies der Mann zum Hecktür des Kombis. Als er aufmachte nahm mein Vater sofort die erste Reisetasche, drehte sich um, ging am Beamter vorbei und stellte die Tasche in etwa 5 Meter Entfernung auf den Treppen der Baracke ab und stellte sich daneben. Der Beamter sah sich um im Gepäckraum des Autos, aber auf ein Mal drehte er sich um, wies auf die Reisetasche und sagte: "die Tasche möchte ich sehen". Genau wie meine Mutter vorher im Auto zu meinem Vater gesagt hatte enthielt die Tasche nichts besonderes. Innerhalb 15~20 Sekunden wurde die Tasche gesamt Inhalt "freigegeben" und konnten wir weiter zum nächsten Station. Hier hatten die uniformierte DDR Beamten einen etwa 70cm breiten Spiegel auf kleine Räder und mit einem 1,50m langen Griff. Da hörten wir wie einer der Andere ganz formell fragte: "Haben sie schon gespiegelt herr Kollege?". Mit dem Spiegel wurde unter dem Auto nach eventuelle Flüchtlinge gesucht. Nächst war auch der Benzintank dran. Einen langen flexiblen "Stock" verschwand in der Tanköffnung. Dann musste jeder aussteigen und wurde unter der Rücksitz kontrolliert ob sich da jemand versteckt hatte. Damit war die Kontrolle beseitigt und konnten wir weiter. Wegen der 12 Tagen in der DDR hatten mein Vater und auch meine Mutter je drei Seiten mit Visa (Stempel und Marken) in den Reisepässen: die erste Seite für die Einreise, zweite Seite für den Aufenthalt und dritte Seite zur Ausreise.

Als wir dann an der holländischen Grenze kamen waren die NL Behörden gar nicht interessiert an Devisen Waren, Bleikristall Vasen, oder andere Sachen, sondern sie nahmen die Reisepässe meiner Eltern mit in einem Gebäude und es dauerte 20 bis 30 Minuten bevor sie sie zurück bekamen. Dann wurde gefragt nach dem Grund des DDR Besuchs. Die Antwort "Familienbesuch" muss wohl ausgereicht haben, denn wir konnten weiterfahren. Nachdem haben wir in den 70er Jahren noch öfters die DDR besucht. An der holländischen Grenze wusste mein Vater einen Grenzübergang in der Nähe von Venlo die Abends nach 21 Uhr unbemannt war. Wegen der Erfahrung aus '64 haben wir dann immer Abends Pause gemacht an der Deutsche Seite der Grenze und fuhren erst nach 21 Uhr über die Deutsch-Holländische Grenze.

Später habe ich meinen Vater gefragt nach seinem Verhalten mit der Reisetasche an der Grenze. Es war einfach "Bluff" hat er gemeint. Im 2. Weltkrieg war er unfreiwillig im Arbeitseinsatz (Zwangsarbeit) in Berlin tätig gewesen. Damals hatte er gelernt "wie sich zu diesen Burschen" zu verhalten. Das hat tatsächlich funktioniert!

                                                                                                                                                                            TK, Juli 2014

Eine der beiden Bleikristallvasen